Montag, 21.05.2012 03:26 Uhr

Patricia Pagny im Trancezustand

Verfasser: Dr. Michaela Preiner , 20.10.2009, 07:56 Uhr
Presse-Ressort von: Dr. Michaela Preiner Bericht 6156x gelesen

Was an diesem Samstag im Palais de la musique et de la danse in Straßburg zu hören und zu sehen war, geht über die normale Interpretation eines Klavierkonzertes hinaus. Vom OPS eingeladen, gab die aus Lothringen stammende und Italien aufgewachsene Pianistin Patricia Pagny ein Konzert mit Werken von Beethoven, Mendelssohn-Bartholdy und Schumann und zeigte dabei, quasi als kostenlose Beigabe, wie man durch Musik in Trance fallen kann. Normalerweise werden Konzertkritiken danach ausgerichtet, wie die jeweilige Pianistin oder auch der jeweilige Pianist die gespielten Werke interpretiert. Bei Patricia Pagny aber muss man zuallererst ihre Künstlerpersönlichkeit beschreiben, die nachhaltigen Eindruck hinterlässt. Sie trat in Straßburg im abgedunkelten Saal nur mit einem Lichtspot auf, der auf ihren Sitzplatz gerichtet war, was für sie selbst den Vorteil hatte, dass sie das Publikum nur schwer optisch wahrnehmen konnte. Nach wenigen Konzentrationssekunden begann sie ihr Spiel und war plötzlich – in einer anderen Welt. Was gerade noch einige Augenblicke zuvor von ihr wahrgenommen worden war, der Saal, die Menschen, das eine oder andere Husten, schien nicht mehr zu existieren. Die Augen halb geschlossen, dann aber wieder weit geöffnet, blickte sie zwar ab und zu in Richtung der Zuschauerreihen, genau betrachtet aber durch diese hindurch, in ihre eigene musikalische Vorstellungswelt, als wäre sie in diesen Momenten ganz allein. Sie interpretierte Beethovens Sonate Nr. 15, op. 28 glasklar, bis ins kleinste Detail hinein erforscht, mit wohl durchdachten Tempo- und Rhythmusdosierungen, wobei gerade der sparsame Einsatz von allzu lauten oder rasanten Spielweisen dem Werk besonders entgegen kam. Musik wurde nicht nur hör- sondern auch sichtbar, als sie Frage- und Antwortpassagen mit ihrer Mimik unterstützte, vor Freude hüpfende Triolen mit ihrem Kopfnicken zustimmend begleitete, oder eine Antwort aus dem Bass mit gesenktem Kopf und leicht vorgeschobener Lippe mit tiefer, innerer Stimme mitzusprechen schien. Musik wandelt sich bei Patricia Pagny zur einer Sprache, die nicht nur hörbar, sondern auch sichtbar wird. So könnte man am besten beschreiben, was die Pianistin dem Publikum mit ihrer Darbietung übermittelt. Gleichzeitig, und dies rechtfertigt diesen speziellen, individuellen Einsatz, gibt sie dem Auditorium, wenngleich auch unbewusst, die Chance, ihre Interpretation besser zu verstehen. Wenn sich ihr Gesicht während der Steigerung der Dramatik langsam verfinstert, wenn sich ihre Züge langsam lockern und aufheitern, bei der Beschreibung der heiteren Natur von Beethovens „Naturpastorale“, oder wenn sie, wie am Ende des Jägerliedes von Felix Mendelssohn-Bartholdy dieses so leise in die Ferne ausklingen lässt und selbst dem letzten Ton entzückt nach hört, versteht man kompositorische Zusammenhänge, ohne auch nur eine Note gelesen zu haben. Pagny bietet ein Schauspiel, das in dieser Form bei einer Pianistin einzigartig ist. Arthur Rubinstein kann als ihr absoluter Gegenpol bezeichnet werden, denkt man daran, dass ihm nur in ganz, ganz wenigen Augenblicken ein Leuchten oder ein Schatten über das Gesicht fuhr, wenn er Passagen spielte, die starke Emotionen ausdrückten. Typisch für ihren Interpretationsstil ist auch die Negierung von Gedanken- oder Atempausen, was nur dann funktioniert, wenn die Intonierung in der Lautstärke differiert und weiter angelegte Spannungsbögen beachtet werden. Bei Lied Nr. 5 von Mendelssohn-Bartholdy, welches mit presto agitato überschrieben ist, war dies besonders schön zu hören. Ihr dunkler, rascher Einstieg ließ gleich erahnen, dass sie die Wiedergabe dieses Stückes auf Virtuosität aufbaute und tatsächlich gelang ihr mit ihrer atemlosen Spielweise, die sich von Anfang bis zum Schluss durchzog, ein neues Hörerlebnis. Sie zeigte, welche Kraft in dem Werk liegt und strafte all jene Lügen, welche die „Lieder ohne Worte“ des Komponisten als seichte und leichte Kost titulieren. In Robert Schumanns Fantasie, op. 17 schließlich war klar, dass sich Patricia Pagny an jedes Werk wagen kann, sei es strukturell auch noch so schwierig. Sie machte jede kleine Färbung hörbar, agierte im dritten Satz mit der linken Hand so zurückhaltend, dass ihr ein Schweben der Melodie gelang und setzte ihr eigenes, imaginäres Seziermesser so geschickt an den Notentext, dass es möglich wurde, in die tiefer liegenden Kompositionsschemata einzudringen und sie beim Spiel von Pagny zu erfassen. Um zu sehen, was eine Pianistin spürt und hört, wenn sie spielt, sollte man sich einen Auftritt von Patricia Pagny nicht entgehen lassen. Und um zu hören, wie Pagny den Werken ihren eigenen Stempel aufdrückt – auch nicht. Weitere Kulturartikel auf: http://european-cultural-news.com

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