Montag, 21.05.2012 04:15 Uhr

Sabine Werth -Ehrengast bei Tafeljubiläum

Verfasser: Karl J. Pfaff Landstuhl/Berlin, 06.02.2012, 15:41 Uhr
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Landstuhl/Berlin [ENA] Vor mehr als fünf Jahren hatte es „Klick“ gemacht beim Vorsitzenden des DRK-Kreisverbandes, Herrn Michael Nickolaus, als er anlässlich einer sozialpolitischen Tagung in Berlin, in aller Frühe, einen aufrüttelnden Vortrag über die Arbeitsweise der Berliner Tafeln hörte. Ausgelöst hatte diesen Impuls die damalige Referentin, Frau Sabine Werth, die im Jahre 1993 die erste Tafelgründerin war. Nach Landstuhl war sie als Ehrengast und Referentin gerne von Berlin angereist.

In der voll besetzten Zehntenscheune gab es zum 5-Jährigen ein munteres Stelldichein von Regionalpolitikern aus Stadt und Landkreis, die alle gekommen waren, um das uneigennützige Engagement der vielen Helferinnen und Helfer und Spender zu loben. Diese arbeiten unentgeltlich, bei jedem Wetter um aus dem weiten Umkreis von Unterstützern und Gönnern „Überflusswaren“ abzuholen und nach sorgfältiger Vorauswahl in der Ausgabestelle an Bedürftige verteilen zu können. Ein Stab von über 50 flexiblen, guten Geistern erledigt die vielfältigen Handgriffe, vom Kistenschleppen, Vorsortieren, sortengerechtem Lagern und geregelter Verteilung.

„Tafeln sind das reinste Projekt der Nächstenliebe“, so formulierte es der 1. Beigeordnete der Verbandsgemeinde, Dr. Degenhardt. Kreisbeigeordneter Gerhard Müller betonte: „Tafeln ergänzen den Grundbedarf, sie sind Realitäten im Sozialstaat. Allein 828 Bedarfsgemeinschaften sind momentan im LK Kaiserslautern zu betreuen. Margit Mohr: „Weit ist der Weg vom Ohr zum Herzen, noch weiter ist der Weg vom Herz zur Hand“. Dr. Markus Klein ging auf mögliche Auswirkung der Hartz-4-Gesetze ein.

Vor diesem Hintergrund erläuterte Frau Sabine Werth den Beginn ihres großen ehrenamtlichen Projekts: Zunächst erwuchs der Gedanke in kleinem Kreise. Man sah die Notwendigkeit, trotz staatlicher Fürsorge „eine Brücke zwischen Überfluss und Mangel“ bauen zu müssen. So entwickelte sich aus der Idee ‚wir decken denen eine Tafel, die es sich sonst nicht leisten können’ eine unabhängige, bürgerschaftlich und lokal organisierte Initiative. Rasch wurde der Kreis derer, die die Tafel brauchten größer. Bis heute plädiert sie für eine möglichst unabhängige Steuerung, um bestimmten Entwicklungen der Einflussnahme vorzubeugen.

Der Gedanke setzte sich über München, Neumünster und schließlich Hamburg medienwirksam um. So wurde es bald nötig, übergeordnete Strukturen herauszubilden. Insbesondere der „Bundesverband Deutsche Tafel e. V.“ dient als bundesweites Dach der „Tafeln“, der Richtlinien für die Arbeit in den lokalen „Tafeln“ herausgibt, bundesweite Aktionen koordiniert und als bundesweiter Vertreter und Ansprechpartner für die Öffentlichkeit dient. Heute existieren mehr als 900 Tafeln mit unterschiedlichen Strukturen.

„Die beiden größten Wohlfahrtsverbände, der Caritas Bundesverband und das Diakonische Werk, haben inzwischen eine Stellungnahme zu den Lebensmittelausgaben verabschiedet. In beiden Positionspapieren wird deren bürgerschaftliches Engagement begrüßt und weiterhin darauf hingewiesen, dass die Angebote der Lebensmittelausgaben vermehrt auch von Personen genutzt würden, die durch die bisherigen Angebote der beiden Verbände nicht erreicht worden seien. Gleichzeitig wird in den Papieren darauf verwiesen, dass die Lebensmittelausgaben zwar in der Lage sind, Notlagen temporär abzumildern, jedoch kein adäquates Mittel einer wohlfahrtsstaatlichen Armutsbekämpfung darstellten.“ (vgl. Fab. Kessl & Holger Schoneville).

"Um eine soziale Teilhabe von Personen zu ermöglichen, die von Armut gefährdet oder betroffen sind, sei vielmehr eine Armutspolitik notwendig, die auf individuellen Rechtsansprüchen für die jeweilige Person basiert.“ Wenn auch Tafeln indirekt ein Zeichen gegen die Wegwerfgesellschaft sind, so mahnt Frau Werth ausdrücklich Vorsicht bei Neugründungen an. Die Menge der entsorgten Lebensmittel wird zukünftig geringer. Das Konsumverhalten wird sich ändern, die Einkaufspolitik der Märkte wird optimiert.

Ziel ist auch Kampf gegen die Verschwendungsmentalität im Sinne der Ressourcenschonung und weniger Ausbeutung in den billigen Produktionsländern der 3. Welt! Mehr als 30% der weltweiten Nahrungsmittelproduktion wird als „Bio-Müll“ teuer entsorgt. Tafeln sind nicht das Ergänzungsmodell der Grundversorgung der Nation, dies ist Sache der Politik! Tafeln machen Armut nur offensichtlich. Aktive Tafelmitarbeiter erkennen die Situation und tun etwas. Allein der Aufbau einer lebenslangen Versorgungseinrichtung mit entsprechenden Abhängigkeiten kann nicht die gesellschaftliche Lösung werden.

Die Bedürftigen müssen in ihren Basiskompetenzen gefordert und gefördert werden, sich besser selbst zu versorgen, Mahlzeiten aus dem regionalen, kostengünstigen Angebot selbständig zuzubereiten. Mittlerweile bleiben bei den Tafeln hochwertige Gemüse und Bioprodukte liegen! (z.B. Spargel, Spinat, Mangold, Lauch, Wurzelgemüse, usw.) Kaum jemand weiß mehr damit umzugehen, trotz zahlreicher Fernsehkochsendungen streben die Betroffenen nach den Werbeangeboten der Fastfood-Gesellschaft.

Ganz besonders beschäftigt Frau Werth das Thema des Mindesthaltbarkeitsdatums (MHD) und den plötzlichen Wertverlust von Frischware. Das MHD macht unsensibel gegen die Wertigkeit eines Nahrungsmittels. Der abwägende, einschätzende Beurteilungsmaßstab ist verloren gegangen. Kühlschränke werden fast in Panik von solchen Produkten gesäubert. Dabei ist dieses Datum nur ein Hinweis für den Markt, zur Qualitätsgarantie. In der Bäckerei wird ein Brötchen kurz vor Ladenschluss noch als vollwertig verkauft und verliert wenige Minuten nach Schließen der Ladentür quasi per Gesetz seinen Ernährungswert im Geschäft!

Stützend könnte gezielte schulische Arbeit vom Kindergarten bis zur Berufsreife eingreifen. Hauswirtschaft mit Nahrungsmittelkunde gehört wieder auf den regulären Stundenplan. Regelmäßiges, gemeinsames öffentliches Kochen mit Prominenten vor Ort wäre ein Weg der Beteiligung. Hierzu hat Frau Werth das Kochbuch „Kochen mit Laib und Seele“ gemeinsam mit 45 Ehrenamtlichen und 45 Prominenten entwickelt, das sie der Landstuhler Tafel als anregendes Geschenk mitgebracht hat. Ihr Fazit: Wir brauchen die Begegnung der gesellschaftlichen Schichten, sonst driftet das Gemeinwesen auseinander.

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